Leistungssport - LeichtathletikVon Mai 1989 bis Juni 1996 war ich als Mittelstreckler beim LAZ Gießen aktiv. Meine Disziplinen waren als C-Jugendlicher (1989-1990) 1000m und 3000m sowie als A- und B Jugendlicher (1991-1994) und in der Männerklasse (1995-1996) 800m, 1500m und 3000m Hindernis. Einen Zeitungsartikel zu den Deutschen Meisterschaften 1992 in voller Größe finden Sie hier.
Beim LAZ Gießen hatte ich mit einer in Fachkreisen weit über die Gießener Region hinaus bekannten Mittelstreckengruppe starke Trainingspartner und mit Erich Gebhardt einen hervorragenden Trainer. Von Anfang an stellten sich Erfolge ein. So war ich bei einem Schulrennen im Mai 1989 entdeckt worden, trat dem Verein sowie besagter Trainingsgruppe bei und wurde bereits zwei Wochen später als 13-jähriger mit der Zeit von 2:46 über 1000m völlig überraschend Sieger der Hessenmeisterschaften in Kelsterbach.
Für meinen Lebensweg und meine persönliche Entwicklung war dieser Erfolg (und weitere Erfolge) von nicht zu unterschätzender Bedeutung, ebenso wie das tägliche harte Training und die Kameradschaft in der Trainingsgruppe mir Willensstärke, Disziplin und Teamgeist vermittelten. Durch Leistungssport-Training erhält man ein solch intensives Körperbewusstsein, das ich mir heutzutage manchmal wieder wünsche. Und man lernt mit Druck umzugehen, wenn man in den Katakomben des Berliner Olympiastadions vor dem Finale seine letzten Aufwärmübungen macht und weiß, innerhalb von knapp vier Minuten (Dauer des 1500m-Laufs) ist entschieden, wie wertvoll die Arbeit eines ganzen Trainingsjahres war - und das vor Tausenden von Zuschauern! Schulische oder universitäre Prüfungen werden danach kaum noch als Druck empfunden. Das Kribbeln vor einem Rennen, die wahnsinnige Spannung, das Wissen, dass auch die Gegner nervös sind, die vollste Konzentration: das ist fantastisch, genial, Sport!
Als C-Jugendlicher (14-15 Jahre) startete meine Laufbahn kurz vor meinem 14. Geburtstag mit einer Sensation für mich und mein Umfeld. Denn ich, der zuvor jahrelang im Fußballverein eine Nebenrolle spielte, wurde in meinem ersten Rennen mit Spikes und dem LAZ-Trikot überhaupt auf Anhieb Hessenmeister. In einem eigentlich ungünstigen Rennverlauf, bei dem ich aufgrund meiner Unerfahrenheit (erstes Rennen!) in fast allen Kurven außen lief, tat sich auf der Zielgraden eine Lücke auf und irgendwie zu meiner Überraschung hat es für den Sieg in 2:46,4 über 1000m gereicht. Bei weiteren Sportfesten konnte ich diese Leistung durch Siege bestätigen und meine Bestzeit mehrmals noch verbessern. Am Jahresende war ich mit 2:43,9 Vierter der Deutschen Bestenliste meines Jahrgangs. Ohne Wintertraining und systematischen Trainingsaufbau. Von vielen Seiten hörte ich, dass ich mit systematischen Training noch einen großen Sprung machen werde. Als Druck habe ich dies nicht empfunden, es war alles so schön und so neu. Aber tatsächlich, innerhalb des nächsten Jahres machte sich das tägliche intensive Training bemerkbar, denn ich konnte meine Bestzeit um 9 Sekunden verbessern. Mein größter Erfolg war das 1000m-Rennen beim Länderkampf September 1990 gegen die Schweiz in Aarau, bei dem ich für mein Land nicht nur Punkte sammelte, sondern mit der Zeit von 2:34,88 auch einen neuen Hessenrekord aufstellte. Von der Verbesserung des alten Rekords von 2:35 aus dem Jahr 1969 hatte ich die ganze Saison über geredet, wobei im Mai und Juni nach mehreren 2:40er Wettkämpfen mir niemand das zutraute. Auch nicht mein Trainer, der unsere Leistungen sonst immer sehr präzise einschätzen konnte. Mit diesem Lauf konnte ich den ersten Platz in der Jahresbestenliste des DLV, den ich mit 2,36:40 bereits innehatte, weiter ausbauen und war somit 1990 schnellster deutscher Mittelstreckler meiner Altersklasse. Als C-Jugendlicher holte ich mehrere Hessentitel über 1000m, Crosslauf, Halle und Staffel und gewann diverse Sportfeste in meiner Altersklasse. Als 15-jähriger hatte ich folgende Bestzeiten: 800m: 2:00,14; 1000m: 2:34,88; 1500m: 4:09; 3000m: 9:34.
Als B-Jugendlicher (16-17 Jahre) konnte man endlich an Deutschen Jugendmeisterschaften teilnehmen. Im ersten Jahr B-Jugend, 1991, waren die bereits erwähnten Deutschen Meisterschaften im Berliner Olympiastadion, bei dem ich zwar als einziger des jüngeren Jahrgangs das Finale am Schlusstag erreichte, mit dem Platz 6 im Finallauf aber alles andere als zufrieden war, denn ich war taktisch nicht clever gelaufen. Als im Vergleich zu meinen Konkurrenten bei den Deutschen Meisterschaften relativ schlechter Sprinter (100m fliegend in 11,5) konnte ich bei einem langsamen Rennverlauf mit Spurtentscheidung meine Stärken nicht ausspielen. Meine Stärke war nicht der Endspurt, sondern die Fähigkeit, ein hohes Tempo von Beginn an zu gehen und die Konkurrenz Stück für Stück abzuhängen. 1992 waren die Deutschen Jugendmeisterschaften in Mönchengladbach. Dort erreichte ich wieder das Finale über 1500m und habe mich bereits nach 50 Meters an die Spitze gesetzt und Runde für Runde so sehr aufs Tempo gedrückt, dass eine halbe Runde vorm Ziel nur noch drei weitere Läufer dran waren. Statt Massenspurt ein Abnutzungskampf. Am Ende konnte ich so die Bronzemedaille erringen und mich mit 4:00,14 über eine neue Bestzeit freuen. Neben diesen beiden Deutschen Meisterschaften waren in jenen Jahren auch noch viele andere Rennen, wobei ein weiterer Hessentitel in der Halle und mehrere Länderkampfeinsätze zu den Höhepunkten zählten.
Als A-Jugendlicher (18 Jahre) habe ich nur die erste Saison diesen Sport betrieben und danach aufgehört. Bei den Deutschen Meisterschaften in Dortmund habe ich es auf der 800m Distanz probiert, mir wie in den Vorjahren Medaillenchancen ausgerechnet, aufgrund einer Erkältung und eines taktisch ungünstigen Laufes die Finalteilnahme jedoch verpasst. Die ganzen Jahre war die Erwartungserhaltung gering und ich konnte positiv überraschen. Jetzt war die Erwartungshaltung enorm hoch (vor allem bei mir selbst) und ich konnte das erste Mal seit vier Jahren meine Erwartungen nicht erfüllen. Ich war bitter enttäuscht. Die Teilnahme an den Deutschen ist zwar wegen strenger Qualifikationszeiten nur wenigen Sportlern vergönnt und an sich schon ein Erfolg, nicht aber wenn man mal schnellster Deutscher war und im Vorjahr Bronze holte. (Rückblickend weiß ich, dass mein Lebensstil schon seit 1991 für einen Leistungssportler nicht optimal war. Viel Schlaf, kein Alkohol, kaum Partys wäre ein adäquater Lebensstil, aber kein Attraktiver für mich, zumal ich auch mit meinem etwas wilderem Lebensstil jahrelang sehr erfolgreich war.) Einige bemerkenswerte Erfolge gab es trotzdem in diesem Jahr 1993. Hessischer Vizemeister über 800m mit 1:54,44, Zweiter bei den Süddeutschen Staffelmeisterschaften in Stuttgart (800m in 1:53,3), einige Sportfestsiege (Breidenbach, Biebertal und Menden) und die Verbesserung meiner 1500m Bestzeit auf 3:55,89 in Gladbeck. Ein Höhepunkt waren die Weltmeisterschaften in Stuttgart, bei denen ich vom DLV einen Offiziellenausweis bekam. (Wie und warum weiß ich heute nicht mehr, anscheinend durch den zweiten Platz bei den Süddeutschen, die drei Wochen davor ebenfalls im Stuttgarter Daimlerstadion stattfanden.) Mit diesem Ausweis jedenfalls konnte ich nicht nur alle wichtigen Rennen sehen, sondern mich auch in Bereichen wie Mixed Zone (Michael Johnson ist immer noch wütend auf mich.) und auf dem Warmmachplatz aufhalten, auf dem ich mehrmals trainierte und Tempoläufe machte. Dabei konnte ich mit einigen Stars wie Carl Lewis oder Linford Christie reden, wobei die Unterhaltung mit dem damals noch unbekannten späteren Weltrekordler Jonathan Edwards menschlich die interessanteste war. Trotz dieser tollen Erlebnisse überlegte ich, den Leistungssport zu beenden. Um auch als über 18-jähriger in der deutschen Spitze mitlaufen zu können, hätte ich mein ganzes Leben für den Sport ausrichten müssen: Hobbys ebenso wie Zivildienst, Studium und meine Pläne als Selbständiger (Meine Firmengründung war im folgenden Jahr, siehe Historie.). Eine ebenso bedeutende Tatsache war, dass mein Trainer und ich uns getrennt hatten, ein alleiniges Training auf Dauer auf dem bisherigen Niveau unmöglich ist und ich keinen anderen Trainer mit ähnlicher Kompetenz finden konnte. Im Winter 1993-94 versuchte ich alleine einen systematischen Trainingsaufbau und im Frühjahr 1994, nach meinem Abitur, entschied ich mich für die berufliche Selbständigkeit und damit gegen den Leistungssport.
Als 20-jähriger versuchte ich in Heidelberg, vom alten Trainer wieder gecoacht, ein Comeback. Nach einem kompletten Wintertraining seit Oktober 1995 erreichte ich im Sommer 1996 wieder die alte Leistungsstärke. So gab es mit der Staffel noch mal den vierten Platz bei den Deutschen Staffelmeisterschaften und mit 8:36 über 3000m in Darmstadt eine neue Bestzeit. Mein letztes Rennen war die Hessische Meisterschaft in Fulda, wobei ich nach erfolgreichem Vorlauf im Endlauf mit 3:54,36 über 1500m eine neue Bestzeit lief. Mit diesem Erfolg beendete ich meine Karriere endgültig, denn neben Studium und Firma war einfach keine Zeit mehr und auf eines davon verzichten, wollte ich nicht. Berufliche Ziele waren mir inzwischen also wichtiger geworden als sportliche Ziele.
Als interessierter Zuschauer bin ich der Leichtathletik weiterhin verbunden, wobei mich die schlechte Vermarktung dieses spannenden Sports gelegentlich ärgert. (Vor 20-30 Jahren gehörte sie zu den fünf wichtigsten Sportarten in Deutschland, heute ist sie weitaus weniger präsent.) Entscheidend an der ganzen Geschichte ist aber, dass die sechs Jahre Leistungssport mich enorm geprägt haben und ich fantastische Momente erleben durfte.